Münchner Marionettentheater – eine Tradition 

Die lange Tradition des Münchner Marionettentheaters reicht bis in das Jahr 1858 zurück, als sich der Bürger und Vereinsaktuar Josef Leonhard Schmid – später berühmt als „Papa Schmid“ an die Stadt München wendet mit der Bitte um Begutachtung seines Planes zur „Errichtung eines ständigen Marionettentheaters für Kinder“.

Sein Ansinnen war es, den Münchner Kindern „lediglich auf Schickliches, Religion und Sittliches“ beschränkte Stücke vorzuführen, anders als es bis dahin auf Dulten und bei Pulcinellenbuden mit rohen „Hanswurstiaden“ üblich war. Noch vor der städtischen Beschlussfassung wendet sich Papa Schmid an den Münchner Jugendschriftsteller, Hofbeamten und Künstler Franz Graf von Pocci und bittet ihn um Hilfe bei seinem Projekt. Pocci bietet umgehend seine Hilfe an und wird so zum Protektor und Förderer von Anbeginn – er ist auch der „Erfinder“ des berühmten Kasperl Larifari, der von nun an der „Hausherr“ des Münchner Marionettentheaters ist. Unter seiner Feder entstehen über 45 Kasperl-Stücke für das Haus.

Im November 1858 erhält Schmid die offizielle Bewilligung seines Vorhabens.
Nach den verschiedensten Münchner Lokalitäten in denen das neu gegründete Marionettentheater danach logierte, findet Papa Schmid für sein Theater erst nach 42 Jahren endlich ein festes zu Hause. Die Stadt München ist im Jahre 1900 bereit, für das inzwischen etablierte Marionettentheater nun auch ein eigenes Domizil zu errichten.

Als neuer Standort bietet sich der Ort des ehemaligen Stadtgrabens an der Blumenstraße an. Als Architekt wählt die Stadt Theodor Fischer, der das bis heute fast unveränderte Haus konstruiert: Einen rechteckigen Block mit Walmdach, der an der Eingangsseite rechts und links des Mittelportals in von Lisenen gerahmten Wandfeldern je zwei schmucklose, hochrechteckige Fenster enthält. Zum Hauptportal führt eine siebenstufige Freitreppe, die rechts und links auf ihren Wangen je eine dorische Säule samt dazugehörigem Gebälk und Dreiecksgiebel trägt.

Am 4. November 1900 wird dieses Theater das erste Mal für das Münchner Publikum geöffnet und spielt seitdem mit wachsendem Erfolg.

1911 übergibt Schmid das Theater an seine 52-jährige Tochter Babette Klinger-Schmid, die das Theater bis zu ihrem Tod im Jahr 1930 zusammen mit dem langjährigen Mitarbeiter Karl Winkler leitet. Nach ihrem Tod führt Karl Winkler die Theatergeschäfte alleine fort. Als Allrounder, nicht nur in Sachen Requisiteur, Schnitzer, Figurenhersteller, Maschinist, Spieler, Sprecher, Regisseur und Geschäftsführer war ihm das Theater bestens vertraut – allerdings hätte die Bürokratie in Form der Erbschaftssteuer das Unternehmen fast zum Untergang gebracht. Gerade konnte diese Hürde gemeistert werden, als die Stadt 1932 den Pachtvertrag kündigte. Trotz heftigem Bemühens und Intervention waren die Weichen von oberer Stelle gestellt und die Kündigung trat zum 1. Oktober 1933 in Kraft.
Neuer Direktor wurde Hilmar Binter, der das Theater bis 1951 leitete. Nach seinem Tod führte seine Witwe die Geschichte des Hauses bis 1957. In der Ära Binter entstanden auch die Figuren aus der Werkstatt des Künstlers Walter Oberholzer, die u. a. heute noch im Münchner Stadtmuseum ausgestellt sind.

1957 wählte die Stadt München Franz Leonhard Schadt unter sieben Bewerbern zum neuen Direktor des Münchner Marionettentheaters. Schadt, der sehr vetraut war mit der Situation des Marionettentheaters, strebte neue Ideen für ein zeitgemäßes Marionettenspiel an. Unter Schadts Direktion entdeckte auch das Fernsehen das Theater und so entstanden eine Reihe von Marionettenfernsehfilmen. Neben bekannten Märchenstoffen verarbeitete F.L. Schadt auch eigene Ideen zu Stücken. So gab es beispielsweise viele bekannte Weihnachtstücke, die zum alljährlich wiederkehrenden Repertoire des Theaters gehörten.

Im Abendprogramm wurden und werden verschiedenste Opern und Operetten gezeigt. Das Münchner Marionettentheater pflegt eine intensive Orff-Tradition, die schöne Inszenierungen wie z.B. „Die Kluge“ oder den „Mond“ hervorbrachte, die auch internationalen Ruhm erreichen.

In den Jahren 1986 – 1988 erfährt das Marionettentheater eine umfangreiche Renovierung und Modernisierung. Bis dahin wurde das Haus immer nur in Teilbereichen saniert. Die schweren Kriegsbeschädigungen und zuletzt der UBahn-Bau machten nun eine größere, den heutigen technischen Anforderungen gerechte Renovierung nötig. Das Architekturbüro Ernst Hürlimann übernahm die Planungen für den Umbau. Die Planungen beinhalteten u.a. eine Neugestaltung des Zuschauerraumes, die Tieferlegung des Kellerbereiches zur Schaffung einer ausreichend hohen Werkstatt, die Neuorganisation des Foyerbereiches, eine neue Bühnenton- und Beleuchtungsanlage, den Einbau einer Hebebühne und neuer, fahrbarer Spielbrücken.

Seither besteht das Theater, das unter Denkmalschutz steht, in dieser Form.
Im Sommer 2000 übernahm, nach Benennung durch das Kulturreferat der LHS München, der frühere langjährige Mitarbeiter und inzwischen freiberufliche Puppenspieler, -bauer und -sprecher Siegfried Böhmke die Intendanz des Theaters und löste damit F.L. Schadt – inzwischen 90 Jahre alt – nach 43-jähriger Direktion ab.Mit seinem Start im Oktober 2000 feierte das Theater in den Anlagen an der Blumenstrasse sein 100-jähriges Bestehen.

(Inhalt/Zitate entnommen aus „Kasperl Larifari – Blumenstraße 29 a, Münchner Stadtmuseum – Hugendubel)

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